Wie Kamm zu Schnurrbart
Auf den ersten Blick sah ER ganz sympathisch aus. Vielleicht mitte 30, das typische Referent Gesicht mit Brille und Schnurrbart. Ich weiß, dass man Menschen nicht in Schubladen sortieren soll. Aber bei ihm passte es einfach wie Deckel auf Topf. Wie Kamm zu Schnurrbart. Schnurrbart … also um so länger ich dort saß, desto mehr wuchs dieses Ding in meine Richtung. Sagte mir zumindest mein Gefühl. Wie diese klebrigen Fangarme im Urwald, welche in alle Richtungen wuchern. Ich kann Schnurrbärte nicht ausstehen. Warum tragen Männer so etwas? Als Fangarm für Frauen? Also liebe Herren der Schöpfung - so etwas kann man nun wirklich nicht als Potenzverlängerung benutzen.
Aber was bleibt einem übrig, wenn die Ehefrau zu teuer ist und das Geld für den dicken Audi nicht mehr reicht? Ich glaube insgeheim, das dies der einzige Grund ist um sich solch ein Gewuchere im Gesicht wachsen zu lassen.
Eigentlich hatte ich mich auf bunte Pinnwände und Flip Charts gefreut. An meinem Kaffee wollte ich nippen. Immer dann, wenn mich eine leichte Müdigkeit oder unkreativität überkommt. Jetzt hatte ich all dies nicht mehr. Jetzt hatte ich ihn neben mir. Den anstrengendsten Menschen, der mir seit langem begegnet ist. Ich meine, davon gibt es ja viele und man trifft sie überall. In der Bahn, im Bus im Alltag. Aber ER … war einfach nur furchtbar.
Zu allem und jeden musste er sein Kommentar abgeben. Jeder sollte erfahren, was ER doch für ein toller Hengst ist. Das Wort ausreden - ein Fremdwort für ihn. Hemmungslos wurde jeder durch seine lauten Zwischenrufe unterbrochen, der eine eigene Meinung hatte. Am liebsten hätte ich ihm jedes Haar seines Schnurrbartes einzeln ausgezupft. Hab ich natürlich nicht gemacht. Aber ich hätte es machen können. So geladen war ich nach endlosen sieben Stunden auf dem Platz neben ihm. Und ich hatte mich zum Anfang des Seminars noch gefragt, warum er aus einer 100km entfernten Stadt angereist war. Meine Frage hat sich beantwortet. DEN würde ich auch nicht freiwillig in meinem Seminar sitzen haben wollen.
Warum ärgere ich mich eigentlich?
Ich hab den ganzen Tag gewartet. Das er vorbeischaut. Und wenn es nur ein Kopf durch die Tür stecken gewesen wäre. Doch selbst das ist wohl zu viel verlangt in dieser so grau gewordenen Alltagswelt. Mit einem Dankeschön rechne ich ja schon lange nicht mehr. Und das, obwohl ich mir Tag für Tag den Arm ausreiße.
Fühlt sich ganz schön leer an, wenn man für eine herausragende Leistung noch nicht mal ein Lächeln bekommt. Einsam und vergessen. Noch nicht einmal Interesse. Ich glaube so muss es sich anfühlen, top Manager zu sein. Wenn man Tag für Tag das Rad neu erfindet und dabei mehr und mehr abstumpft. Bis man irgendwann selbst diese runde Form angenommen hat und gleichgültig geworden ist. Wobei Gleichgültigkeit doch so etwas furchtbares ist. Und genau das Gegenteil von Begeisterung. Das Gefühl, das ich damals hatte, als ich motiviert losgelaufen bin. Woran merkt man eigentlich, das keine Steigerung zu unmotiviert mehr vorhanden ist?
Warum ärgere ich mich eigentlich? Ich kenne das doch schon. Man ruft voller Freude und Begeisterung in einen Raum und nichts kommt zurück. Kein Echo. Keine Antwort. Noch nicht mal eine sich lösende Bodenkachel, die Geräusche macht. Es ist einfach nur still um einen herum. Und diese Stille ist trostlos.
Morgen denke ich wieder anderes darüber. Das passiert mir schließlich nicht zum ersten Mal.
Muschelmänner I
Ich habe heute Morgen beschlossen, das ich viel öfters tanken fahren sollte. Gerade nachts. Und in einer der gruseligsten Ecken der Stadt.
Irgendwie muss ich heute Morgen aus dem Bett gefallen sein. Schon weit vor fünf Uhr hab ich das Schäfchenzählen aufgegeben. Vielleicht komme ich langsam in ein Alter, in dem man mit weniger als sieben Stunden Schlaf zurecht kommt. Sollte dieser Zustand anhalten, so werde ich bestimmt nie wieder schimpfen, das ich alt werde. Langsam jedoch unaufhaltsam. Dinge die sich von hinten anschleichen sind beängstigend und doch auf ihre eigene Art und Weise interessant…
Was macht man mit einem angefangenen Morgen, der noch nicht einmal so richtig begonnen hat? Wenn das weiterschlafen unmöglich und das Frühstücksfernseh unausstehlich ist?
Einfach mal etwas Neues ausprobieren. Tanken fahren.
Ich bin gern Nachts auf den Straßen unterwegs. Ich mag die Ruhe auf den Hauptverkehrsstraßen und die bunten Lichter der Stadt. Alles schaut so friedlich aus um halb sechs Uhr Morgens in der Früh. Die Ampeln sind aus, die Menschen noch nicht hektisch. Es ist fast so, als würde es nur mich geben in dieser 100.000 Einwohner Stadt.
Mein Auto entführte mich in eine der gruseligsten Ecken der Stadt. Sagen zumindest die Menschen, die hier leben. Ich für meinen Teil finde nichts unheimliches an diesem Stadtteil. Es gibt keine nackigen Damen am Wegesrand, keine Schläger unter den Straßenlaternen. Nur etwas mehr ausländisch klingende Geschäfte und Restaurants. Aber genau das ist es doch, was alle wollen. Abwechslung. Und kaum schleicht sie sich in den alltag, Wird sie als negativ empfunden.
Ohne lang zu zögern fuhr ich auf den Hof der Shell Tankstelle. Ich mag Shell. Und das sage ich, obwohl ich noch nicht einmal Kleingeld für diese Art von Werbung bekomme. Ich glaube das jeder Mensch seine ganz persönliche Lieblingstankstelle hat. Die einen finden Aral toll weil dort so ein netter Gay Tankwart beschäftigt ist, ich mag Shell, weil ich Muscheln mag. Und das ist in keinem Blickwinkel auch nur ansatzweise unanständig oder zweideutig. Ich mag Muscheln. So. Jetzt ist es raus.
Das auch noch...
Ich glaube meine Laune hat einen neuen Tiefstand erreicht. Vielleicht habe ich auch einfach nur kein Glück mit solchen Sachen. Ich bin mir da selbst noch nicht ganz sicher. Da fahre ich heute Morgen nichtsahnend zur Arbeit. Immer mit dem Gefühl begleitet, das irgendwas anders ist. Das irgendwas fehlt, was eigentlich da sein sollte.
Und kaum führen mich meine Wege auf die Autobahn, da fällt es mir wie Schuppen aus den Augen. Mein Rückspiegel ist weg. Wunderbar. Erst das klaffende Loch an der Stelle, wo einst mein Blinker saß und jetzt das. Keine Woche ist vergangen und ich bin das zweite Mal so bitter enttäuscht von meinem Auto, dass ich es am liebsten irgendwo verlieren und nie mehr wieder finden möchte. Vielleicht sollte ich es am Hafen abstellen und vergessen. Auf eine neue Flut warten oder einfach nur auf ein paar Teenager, die es bis auf die Unkenntlichkeit entstellen. Aber ist damit mein Problem gelöst? Nein. Wäre wahrscheinlich auch zu einfach.
Genau wie vor ein paar Tagen habe ich zwar die Scherben vor meinem Haus gefunden, aber der Arsch ist natürlich über alle Berge. Wahrscheinlich schläft er deswegen noch nicht einmal schlecht. Dabei würde ich es ihm wünschen. Oder ihr. Egal. Zerstört ist zerstört. Und als wäre das allein noch nicht schlimm genug, sollen zerbrochene Spiegel ja auch noch Unglück bringen. Gilt das eigentlich für den Zerstörer oder für das Opfer?
Danke Du Arsch.
Ich glaube, ich gehöre zu den wenigen Menschen, die keinen Schnee mögen. Wobei mögen noch weit untertrieben ist. Ich hasse Schnee. Wie er so friedlich da liegt, als könne er keiner Fliege ein Beinchen krümmen. In Wirklichkeit ist er böse. Bitterböse und gemein. Ich habe schon recht früh gelernt dass ich mit Schnee auf Kriegsfuß stehe. In einem Winter hat Schnee meinen Daumen zertrümmert, im nächsten hat mich Schnee während der Arbeit in einen nassen Graben stürzen lassen und diesmal….
Ich beginne vorne zu erzählen. Eigentlich wollte ich nur mein Auto Winterfest machen. Die Lampen waren wieder ganz und es war die übliche Arbeit die einen Jahr für Jahr nach dem ersten Schnee unter den Fingernägeln juckt. Frostschutz in die Scheibenwischanlage, Türgummis sichern… es wäre ja alles so einfach gewesen. Und so normal.
Bis ich den Schnee auf meiner Motorhaube zur Seite geschoben hatte und das schrecklichste Bild zu sehen bekam, das ich mir vorstellen konnte. Also Rost hätte ich ja noch verkraftet. Vorgelzeugs auch. Und auch eine kleine Schramme wäre kein Weltuntergang gewesen. Aber DAS war einfach nur grausam.
Die komplette, rechte Seite meines Autos ist zerstört. Das Licht ist raus gebrochen. Die Stoßstange zerstört. Und da wo eigentlich eine Lampe sein sollte, nur noch ein tief nach innen gezogenes, farbloses Loch, das lauter nach Hilfe schreit, als ich es beschreiben kann. Der Blinker lose, die schöne, violette Farbe abgestoßen. Eigentlich ist mein Auto nur noch eine Delle. Eine fahrende Delle die doch mal mein ganzer Stolz war.
Die passenden Gegentücke zu den Dellen habe ich vor meinem Haus gefunden. Daneben die Scherben von dem, was mal meine Lampe war. Danke Du Arsch, der beim rückwärts einparken in mein Auto gesaust und dann abgehauen ist. Die Farbe meines Wages hast Du sicher noch an Deinem Auto. Wenn ich Dich erwische….
Totalausfall. Sehr verdächtig.
Etwas verunsichert blickte ich in den Rückspiegel. Autos rauschten an mir vorbei. Was machte ich eigentlich hier? Und weshalb stand ich mitten auf dieser furchtbar dunklen Hauptverkehrsstraße? Ein Blick in den Spiegel und auf die dunklen Gestalten, die da auf mich zukamen, reichte, um den Grund für diese gruselige Lage wieder zu finden. Nähr und nähr kamen sie auf mich zu. Während einer von ihnen den Kopf durch mein Fenster steckte, leuchtete sich der zweite einen Weg durch das wilde Chaos meines Rücksitzes.
Ich mag ja Männer in Uniformen. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar eine leichte Schwäche dafür. Aber wenn sie ihren Kopf so weit in mein Auto strecken, das ich das Gefühl habe ausweichen zu müssen, dann ist mir das eindeutig zu viel Nähe. Es dauerte nicht lange, bis ich mein Auto verlassen musste. Den Motor sollte ich anlassen, genau wie das Licht. Was sollte das denn werden? Eine Autoübernahme? Das aussetzen einer einsamen, sexy Blondine im Dunkeln der Nacht? Ich hab so etwas schon oft im Fernseh gesehen. Immer wenn die Polizisten nur mit einem rosa Damenfahrrad bestückt sind, halten sie tolle Sportwagen an und übernehmen sie für Verfolgungsjagten. Aber ich weiß ja nicht ob sich grade mein wagen dafür so gut eignet.
Aber was blieb mir schon an Optionen? Ohne eine Miene zu verziehen, stieg ich aus meinem Wagen und gehorchte den Befehlen der beiden jungen Männern.
"Frau F…. Kommen sie doch bitte mal zu mir."(Nein, ich führe keine Verbotenen Gegenstände mit mir)"Und jetzt stellen sie sich bitte neben mich…"(Nein, auch keine Waffen)"Und jetzt sagen sie mir, was da an ihrem Wagen nicht stimmt."(Und als nächstes fragt er nach dem Schraubschlüssel in meiner Handtasche)Noch bevor ich das Fragezeichen auf meiner Stirn in Worte formulieren konnte, kletterte der zweite Polizist doch tatsächlich in mein Auto. Streckte seinen Po aus meiner Tür und fing an, neben meinem Lenkrad herumzuspielen. Und genau in diesem Augenblick fiel mir das Problem an der Sache wie Schuppen aus den Augen. Mein Licht war kaputt. Und das nicht nur auf einer Seite, sondern komplett. Totalausfall. Bis auf meine Blinker. Denn die leuchteten Sturm. Sehr verdächtig.
"Ist das jetzt modern..?!"Verwundert zog ich meine Augenbrauen nach oben. Leuchtende Blinker hatte ich noch nie gesehen. Außer ich blinke. Aber das tat ich ja nicht. Es dauerte Ewigkeiten, bis ich die sympathischen Herren überredet hatte, doch noch nach Hause fahren zu dürfen. Aber nur ausnahmsweise. Mit einem "ABER AUF DIREKTEM WEG" wurde ich in die Nacht entlassen…